Isingerode Forschungen Newsletter 1

Weiß strahlend, die Mauern von Jericho … äh nein: Isingerode! 

von Wolf-Dieter Steinmetz.

Wenn man von der Wehrmauer einer Befestigungsanlage spricht, assoziiert der normale Mensch von der Straße sicherlich eine Steinmauer, wie man es von romantisch verklärten Ritterburgen des Mittelalters kennt. FABL-Mitglieder wissen es besser. Seit den frühen Tagen der Isingerode-Ausgrabung wissen sie, daß eine solche Wehrmauer zum Beispiel in der Bronzezeit auch aus einer hölzernen Konstruktion bestehen kann – die intensiv zu Holzkohle verbrannten Bauteile im Wallbefund zeigten es mehr als deutlich. Dabei gehen diese Bauwerke aber über eine einfache Palisade weit hinaus.

Genauere Details der Baukonstruktion lassen sich aus den Dokumentationen der Ausgrabungsbefunde rekonstruieren. Beispielhaft dafür mag das Dokumentationsfoto Abb.1 stehen. Es zeigt das Planum 3A (50cm unter Oberfläche) in den Quadranten 53-55N / 1-3E.

Abb.1

Das Fundament der Wehrmauer ist durch die verkohlten Hölzer und die grauen Ascheschichten deutlich erkennbar. Es läuft entsprechend dem Wall quer durch die Grabungsfläche. Der Wall selbst, auf dem die Wehrmauer errichtet wurde, wird durch den gelblichgrünen Kies links oben im Bild kenntlich. Bei der grauen Ascheschicht im Bild rechts unten neben der Wehrmauer handelt es sich bereits um in den Innenraum abplanierten Brandschutt der verbrannten Holzmauer. Rekonstruierbar ist, daß die Wehrmauer eine Basisbreite von 1,2-1,4m besessen hat, was auf eine Höhe von 3,6-5,6m (3-4-fache Breite der Basis) schließen lässt, für Angreifer ohne große Belagerungsmaschinen sicherlich bereits ein beachtliches Hindernis. Der Mauerkörper selbst war aus einem rechteckigen Holzrahmenwerk aufgebaut, welches im Inneren mit Lehm, Kies und Geröllsteinen aufgefüllt war, was eine gegen Stoß ziemlich zäh-elastische Konstruktion ergab.

Abb.2: Qu 53-54N / 1E / PL 2A-3A, gleicher Befund wie Abb.1, Detail seitlich am Profil.

Weil die Zerstörungsfeuer ziemlich heftig gewesen sein müssen – die starke Veraschung belegt dies -, haben sich konstruktive Elemente seltener erhalten. Jedenfalls dürfte die Wehrmauern ziemlich massiv gebaut gewesen sein. An mehreren Stellen lassen sich Kanthölzer oder Planken von bis zu 25 cm Stärke erkennen (Abb.2). Besonders interessant ist, daß diesen Hölzern häufiger Schichten von Brandlehm mit einer Stärke von bis zu 5 cm aufliegen (Abb.2, rötliche Schicht auf schwarzverkohltem Holzbalken). Vermutlich handelt es sich um einen Lehmverputz, der die Holzmauer verkleidet, und der sich beim Brand oxidierend rot verfärbt hat.

FNr.3345N-2260W-170T Abb. 3a+b Wandverputz aus dem Brandversturz der Wehrmauer, links geglättete Außenseite, rechts Innenseite mit Rutenabdrücken des Flechtwerkes

Lehmverputz, in der Regel von Hauswänden und nur erhalten, wenn diese abgebrannt sind und er sich dadurch verfestigt hat, gehört zu den eher unspektakulären Fundobjekten einer Siedlungsgrabung. Hier aber handelt es sich, ausgehend von der Fundlage, um Lehmverputz der Wehrmauer. In solchem Zusammenhang ist es bisher selten beobachtet worden. Noch spannender ist die Beobachtung, daß dabei mehrmals sowohl die glattgestrichene Außenseite (Abb.3a) als auf der Rückseite auch negative Abdrücke eines Rutenflechtwerkes (Abb.3b) erkennbar sind. Das belegt, daß die Flächen zwischen dem Holzrahmenwerk der Kanthölzer mit einem lehmverputzten Flechtwerk wie im mittelalterlichen Fachwerkbau geschlossen waren. Eine höchst brandgefährdete Bautechnik, besonders bei feindlichen Angriffen – deshalb sicherlich der dicke, schützende Lehmverputz. Aber wie der Befund zeigt, reichte ab einer gewissen Brandgewalt auch dies nicht mehr aus.

Auch ohne feindliche Einwirkung war eine solche Baukonstruktion gegenüber Witterungseinflüssen ausgesprochen verwitterungsanfällig – der nur luftgetrocknete Lehm wird vom Regen schnell ausgewaschen. Bei Fachwerkhäusern wird dem entgegengewirkt, indem man die Wände – in der Regel im Frühjahr – mit einer quarkbasierten kalkigen Masse tüncht, die die Oberfläche isoliert. Eigentlich wäre es logisch, dies auch für eine Befestigungswand anzunehmen. Aber: dass ein derartiges Material sich in mineralischen, durchlüfteten und wasserdurchlässigen Sedimenten erhält, ist äußerst unwahrscheinlich.

Um so überraschender war nach dem Waschen und der erneuten Durchsicht des Fundmaterials die Entdeckung von Spuren eines weißlichen Belages auf einigen wenigen gebrannten Lehmbrocken – natürlich nicht besonders gut erhalten, aber sicher belegt (Abb.4a+b). Und: vor dem Farbauftrag wurde die Oberfläche bisweilen(?) / immer(?) mit einem Kamm geglättet, wohl damit der Belag besser hält (Abb.4b + 5).

FNr. 6465N-390E-60T FNr. 6403N-0345E-140T Abb.4a+b Weiße Farbreste offenbar unterschiedlicher Konsistenz auf Wandputz der Befestigungsmauer. Dabei oben mit einem zusätzlichen schwarzen Strich, wobei mit optischen Mitteln aber nicht geklärt werden kann, ob hier eine weitere Zierbemalung vorliegt oder nur eine Verunreinigung durch aufliegende Holzkohle. Rechts sind unter der Bemalung noch die Oberflächenbehandlung durch Kammstrich erkennbar.
FNr. 4074N-3067W-140T Abb.5 Oberflächenbehandlung durch feinen Kammstrich, schwer zu erkennen, aber mehrfach im Fundmaterial belegt

Was aber heißt das für unsere „Schwedenschanze“?

Die Befestigung war in der jüngeren Bronzezeit durch ihre getünchte Mauer über die Hochfläche und erst recht auf dem Hochufer aus der Niederung weithin strahlend weiß zu sehen – neben dem funktionalen Gesichtspunkt ein Objekt der Repräsentation eines Lokalfürsten, der von hier den Handel kontrollierte und politische Macht ausübte.

Abb.6 Profil ●50mN/0m – ●60mN/0m

Innerhalb der bronze- bis früheisenzeitlichen Ereignisgeschichte der befestigten Siedlung lassen sich in den Befestigungsanlagen fünf Bauphasen nachweisen, wobei die ersten vier durch heftige Brandkatastrophen zerstört wurden. Die übereinander liegenden Brandhorizonte lassen sich z. B. im Null-Linienprofil des Hauptwalles durch Holzkohle-, Asche- und Brandlehmschichten deutlich erkennen. Sie sind in unserem Dokumentationsbild mit den Buchstaben B 1-4 markiert. Dabei erfolgte die Zählung entsprechend des Grabungsverlaufes von oben nach, vom Jüngeren zum Älteren. Die oben liegende Schicht B 1 ist dabei also die jüngste.

Unser oben als Befundbeispiel ausgesuchtes und abgebildetes Mauerfundament lässt sich entsprechend seiner Koordinaten (52-53,40m N am Profil der Null-Linie in 50cm Tiefe) sehr genau in die Schichtenabfolge des Profils einhängen, hier im Bild durch einen roten Rahmen markiert. Damit lässt sich beweisen, daß unser Beispiel in den Brandhorizont B 2 zu stellen ist. So funktioniert stratigraphische Auswertung – bisweilen ein schwieriges Geschäft.

Die Zerstörung unseres Befestigungswerkes dürfte um 900 v. Chr. erfolgt sein. Woher wir das so genau wissen? Vielleicht ein gutes Thema für einen späteren Newsletter.

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Newsletter 2: Aufregende Scherben: Lappenschalen und Reliefband (Wolf-Dieter Steinmetz)