Isingerode Forschungen Newsletter 5 (Teil 2)

Das Salz in der Suppe …

(Teil 2)
von Wolf-Dieter Steinmetz.
► Solequellen und ihr Forschungspotential
► Salz als Wirtschaftsfaktor
► Neue Forschungen
► Salz und Kulturgeschichte
► Epilog
► Nachweis und ergänzende Literaturhinweise

Solequellen und ihr Forschungspotential

Ungewöhnlich interessante Ergebnisse könnte vielleicht eine Ausgrabung an der Solequelle von Barnstorf erbringen, nicht nur im Hinblick auf die Technik und Organisation der Salzverarbeitung vor Ort. Außergewöhnliche Quellen dieser Art haben immer auch eine besondere Anziehung auf die Menschen der Landschaft als religiöse, als heilige Plätze gehabt, an denen übernatürliche Wesen angebetet und ihnen geopfert wurde. Verbunden war dies bestimmt mit entsprechenden Prozessionen, Zeremonien und kultischen Handlungen. Es sollte verwundern, wenn das keinen entsprechenden archäologischen Niederschlag im Erdboden hinterlassen hätte. Vergleichsbeispiele gibt es genug. Aufgrund des Naturschutzes wird dies aber wohl ein Traum bleiben.

Salz als Wirtschaftsfaktor

Trotz der fehlenden Funde bleibt der Zusammenhang zwischen den befestigten Marktzentren und naheliegenden Solequellen deutlich erkennbar (Karte Abb. 4). Salz war einer der wichtigen Faktoren im Wirtschaftsleben der jüngeren Bronzezeit und darüber hinaus. Es wurde zur Mineralversorgung der Mensch benötigt, konnte erhebliche Dienste bei der Konservierung verderblicher Ware leisten, wurde für Gerbarbeiten angewendet und letztlich und vor allem verfeinerte es bestimmte Speisen beträchtlich. Entsprechend aufwendig und teuer wurde es verhandelt. Über diese Vorgänge wissen wir aber nur wenig.

Möglicherweise wurde das Salz gleich in den Siedewannen weiterverhandelt, sozusagen „portionsgerecht“. Dabei gab es vielleicht sogar Strichcodes wie auf der leider nicht sicher datierten Salzwanne von Emmerstedt. Ähnliche Markierungen gibt es auf Bronzesicheln dieser Zeit, die in diese Richtung gedeutet wurden. Es gab auch größere, langgestreckte Wannen mit abgerundeten Ecken. Das oben bereits genannte, besonders schöne Exemplar aus Runstedt (Abb. 6) weist eine Länge von 38 cm auf, beinhaltet also schon eine ganz schöne Prise. Zu derartigen Salzwannen gibt es weiträumig genaue Entsprechungen, z. B. im Salinenzentrum von Halle (MATTHIAS 1976 375 Abb.2). Die geographisch am weitesten entfernt liegenden Entsprechungen, die mir bisher bekannt geworden sind, fanden sich in der Bretagne (Abb. 7). Die Tatsache, dass man nahezu identische Formen von Salzsiedepfannen in den Museen ganz Europas wiederfindet, könnte belegen, dass hier offenbar standardisierte Packmengen über größere Entfernungen verhandelt wurden. Natürlich ist auch ein großvolumigerer Handel in Vorratsgefäßen, Tierhäuten oder Bastkörben denkbar, aber hier fehlen uns sämtliche archäologischen Belege. Aber die Forschung geht weiter.

Abb. 6: Salzsiedewanne aus Befund 89 der spätbronzezeitlichen Siedlung Runstedt. (Klicken zum Vergrößern)
Abb. 7: Salzsiedewanne der Bronze final (~1300-750 v. Chr.) in einer Vitrineninstallation im Museum von Carnac, Bretagne. (Foto Bärbel-Regine Steinmetz). (Klicken zum Vergrößern)

Neue Forschungen

In Sachsen-Anhalt und Thüringen wurden in einem Forschungsprojekt des Lehrstuhls für Ur- und Frühgeschichte der Universität Jena in den Jahren 2001-2006 mit Prospektionen und Sondagegrabungen zur Auffindung technischer Anlagen und zur Ergründung der speziellen Produktionsprozesse durchgeführt. Dabei wurden parallel Fragen nach der Einbindung der Salzproduktionsanlagen in die Struktur der jeweiligen Siedlungen sowie der Auswirkungen der Salzgewinnung auf die Umwelt und Landschaftsgeschichte nachgegangen (ETTEL + IPACH + SCHNEIDER 2018). Die umfangreichen dabei gewonnenen Erkenntnisse lassen eine Wiederaufnahme, Fortsetzung und sogar Erweiterung der Forschungen dringlichst erhoffen. Insbesondere der Bezug der Salzgewinnung zu den zahlreichen befestigten Siedlungen Mitteldeutschlands aus jüngerer und später Bronzezeit sowie früher Eisenzeit ließe sich hier besonders gut beleuchten.

Der wohl berühmteste Salzort der Archäologie ist sicherlich Hallstatt in den Salzburger Alpen (KERN + KOWARIK + RAUSCH + RESCHREITER 2018). Die im dortigen Friedhof gemachten Fundobjekte führten zur Benennung eines ganzen historischen Abschnittes im südlichen Mitteleuropa. Obwohl hier seit 1848 Ausgrabungen durchgeführt und dokumentiert wurden, erbrachten die seit 1960 nahezu jährlich bis zum heutigen Tag mit modernsten Methoden durchgeführten Ausgrabungen und Forschungen des Naturhistorischen Museums Wien immer wieder überraschende und überragende Befunde und Funde. Die vorher überwiegend auf die frühe Eisenzeit reduzierte Salzgewinnung lässt sich mittlerweile bis in die Jungsteinzeit vor 7000 zurückverfolgen. Die Erkenntnisse zu Entwicklung, Bergbautechnik, Abbauvolumen, Distribution, aber auch zum Alltagsleben werden jährlich erweitert und können in den Dokusendern des Fernsehens regelmäßig verfolgt werden.

Häufig werden bei denkmalpflegerischen Rettungsgrabungen Erkenntnisse zur Salzgewinnung gemacht. Als Beispiel seien die Befunde auf einer Erdgastrasse bei Wörbzig, Kr. Bitterfeld genannt. In Zusammenhang mit mehreren Herdgruben wurde umfangreiche Salzsiedekeramik aufgedeckt. Da dort auch viele Schweineknochen gefunden wurden, liegt die Vermutung nahe, dass es sich hier um Pökelgruben zur Konservierung von Schweinefleisch gehandelt hat – ein Hinweis auf eine der vielen möglichen Arten der Salznutzung.
► Bericht auf archaeologie-online.de
Der Befund datiert vermutlich in die jüngere Bronzezeit („um 1000 v. Chr.“). Ein fast schon als Platz der Massenproduktion von Pökelfleisch zu bezeichnender Salzort ist das oben erwähnte Hallstatt. Hier wurde für den überregionalen Handel produziert, vielleicht wird sich so etwas zukünftig auch für die mitteldeutschen Salzgewinnungszentren nachweisen lassen.

Salz und Kulturgeschichte

Gezielte Salzgewinnung aus Sole ist seit Beginn der Jungsteinzeit (um 5600 v. Chr.), also seit Einwanderung der ersten Bauern in Europa nachgewiesen (SAILLE 2000. – HARDING 2013). Was nicht überrascht, denn Salz ist für die Optimierung des bäuerlichen Alltags ziemlich förderlich. Allerdings kann man wohl davon ausgehen, dass schon die altsteinzeitlichen Jägergruppen, den Wildtieren folgend, die Solequellen aufgesucht haben. Der im Braunschweiger Land bisher wahrscheinlich älteste Nachweis ist ein ovales Tongefäß, welches sich als Jenseitsbeigabe in einem Grab der Rössener Kultur auf dem altneolithischen Friedhof von Wittmar (4500 v. Chr.) fand und welches vermutlich als Salzsiedewanne zu deuten ist. Etwas jünger ist eine Siedlungsgrube der Schönfelder Kultur (~2500 v. Chr.) aus der Braunkohlearchäologie in Schöningen, die mit Tonscherben vollgefüllt war. Darunter befanden sich zwei Fragmente von Salzsiedeständern (THIEME / MAIER 1995,156; 157 Abb.155). Eine Tradition lässt sich daraus nicht ableiten, denn der nächste Nachweis fällt erst in die oben beschriebene jüngere Bronzezeit 1500 Jahre später.

Epilog

Zurück nach Isingerode. Die genaueste Durchsicht des hiesigen Fundmaterials ermöglichte die Erkenntnis, dass die Menschen zumindest des 9./8. Jhdts. v. Chr. hier Salz nicht nur genutzt, sondern Sole sogar selbst gesotten haben. Wie und woher sie diese bezogen, wissen wir nicht, auf jeden Fall kam sie aus über 12 km Entfernung. Damit ermöglichen die unscheinbaren Objekte, das Leben der hiesigen Menschen und ihrer Beziehung zur umgebenden Landschaft im damaligen Kultur- und Wirtschaftsgefüge um einen weiteren historischen Gesichtspunkt zu erweitern.

Nachweis und ergänzende Literaturhinweise:

  • DAUM, Marion 2000:
    Salz und andere wichtige Handelsgüter der Bronzezeit.
    In: MÜHLDORFER, Bernd + ZEITLER, John (Hrsg.), Mykene – Nürnberg -Stonehenge. Handel und Austausch in der Bronzezeit, S.119-132. Ausstellungsbegleitschrift Naturhistorisches Museum Nürnberg.
  • ETTEL, Peter + IPACH, S. + SCHNEIDER, F. 2018:
    Salz in Mitteldeutschland. Salzsieder-Siedlungen der Bronze- und Eisenzeit.
    Jenaer Archäologische Forschungen 4.
    Jena.
  • GOULETQUER, P. + KLEINMANN, D. 1978:
    Die Salinen des Mangalandes und ihre Bedeutung für die Erforschung der prähistorischen Briquetagestätten Europas.
    In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien 108, S.41-49
  • HARDING, Anthony 2013:
    Salt in prehistoric Europe.
    Leiden.
  • HESKE, Immo 2002:
    Jungbronzezeitliche Lappenschalen im östlichen Braunschweiger Land.
    In: Neue Ausgrabungen und Forschungen in Niedersachsen 23, S. 103-124.
  • HESKE, Immo 2009:
    Siedlungen, Waren, Wege – Eine Fallstudie aus dem östlichen Braunschweiger Land.
    In: BARTELHEIM, Martin, STÄUBLE, Harald (Hrsg.), Die wirtschaftlichen Grundlagen der Bronzezeit Europas, S.321-337.
    Rahden/Westfalen (Forschungen zur Archäometrie und Altertumswissenschaft 4).
  • KERN, Anton + KOWARIK, Kerstin + RAUSCH, Andreas W. + RESCHREITER, Hans (Hrsg.) 2018:
    Salz-Reich. 7000 Jahre Hallstatt.
    Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung 2.
    Naturhistorisches Museum Wien.
  • KOLBE, Heinz 1986:
    Industrie-Standort Salzgitter.
    In: Katholische Familienbildungsstätte Salzgitter (Hrsg.), Aus der Erd- und Siedlungsgeschichte Salzgitters, S.9-55. Salzgitter.
  • LOOK, Ernst-Rüdiger 1984:
    Geologie und Bergbau im Braunschweiger Land. Dokumentation zur Geologischen Wanderkarte 1:100 000.
    Geologisches Jahrbuch Reihe A Heft 78. Hannover.
  • MATTHIAS, Waldemar 1961:
    Das mitteldeutsche Briquetage – Formen, Verbreitung und Verwendung.
    In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 45, S.119-225.
  • MATTHIAS, Waldemar 1976:
    Die Salzproduktion – ein bedeutender Faktor in der Wirtschaft der frühbronzezeitlichen Bevölkerung an der mittleren Saale.
    In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 60, S.373-394.
  • MÜLLER, Detlev W. 1993:
    Salz und Reichtum – ein Zusammenklang in der Ur- und Frühgeschichte Mitteldeutschlands.
    In: Archäologie in Sachsen-Anhalt 3, S.12-14.
  • NIQUET, Franz 1967:
    Eine Siedlung der jüngeren Bronzezeit am südlichen Elz auf der Gemarkung Runstedt, Kr. Helmstedt.
    In: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 36, S.173-177 + Tf.16-17.
  • SAILLE, Thomas 2000:
    Salz im ur- und frühgeschichtlichen Mitteleuropa – Eine Bestandsaufnahme.
    In: Berichte der Römisch-Germanischen Kommission 81, S.129-234.
  • STEINMETZ, Wolf-Dieter 2003:
    Salzsiedewanne von Runstedt.
    In: Braunschweigisches Landesmuseum Jahreskalender 2003, 30. Wochenblatt.
    Veröffentlichungen des Braunschweigischen Landesmuseums 103.
  • THIEME, Hartmut + MAIER, Reinhard 1995:
    Archäologische Ausgrabungen im Braunkohletagebau Schöningen, Ldkr. Helmstedt.
    Hannover.

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